3326 Geschichten


Auf dem ESELSKIND-Blog stehen inzwischen 3.326 Beiträge und mindestens zwei Mal in der Woche kommen weitere hinzu.

Ich wünsche jeder Leserin und jedem Leser recht viel Freude beim Lesen der Geschichten und ich hoffe, dass Euch die Geschichten ein wenig ermutigen und Euch veranlassen, niemals aufzugeben, denn denkt bitte immer daran:
Ihr seid etwas Besonderes, Ihr müsst nur Eurer Licht zum Leuchten bringen


Euer fröhlicher Werner aus Bremen

Montag, 21. Januar 2013

Genieße das Leben in seiner ganzen Fülle!



Quelle: Helmut Mühlbacher

Ihr Lieben,


heute möchte ich Euch eine Geschichte von Ulrich Peters erzählen:


"Der alte Gärtner und der König"


"Zu einer Zeit, in der die Menschen noch ihren Träumen trauten, lebte ein kleiner König glücklich und zufrieden. An dem Abend aber, an dem unsere Geschichte ihren Anfang nimmt, war seine Lebensfreude getrübt. 
www.wikipedia.org
 Der kleine König machte sich große Sorgen. So sehr er es auch versuchte, er konnte einfach nicht einschlafen. Bald schon war er wieder aus seinem Bett geklettert, hatte die Kerzenstummel auf dem alten Leuchter angezündet und sich in den Erker gesetzt.


Obgleich alles um ihn herum sehr still war, wurde der König immer unruhiger und lief, tief in Gedanken versunken, in seinem Zimmer auf und ab. Sehnsucht und Ungewissheit, verhaltene Freude und empfindlicher Schmerz kämpften in ihm. 

„Das Leben ist so seltsam und widerspruchsvoll“, sagte er zu sich. „Wie sehr habe ich mich auf diesen Tag gefreut, wie habe ich ihm entgegengefiebert. Morgen darf ich endlich das Mädchen, das mir so viel bedeutet, zur Frau nehmen. Aber neben froher Gewissheit erfüllt mich auch Ungewissheit, neben tiefem Vertrauen auch Angst.“


Es dauerte lange, bis er in dieser Nacht dann doch noch in einen leichten Schlaf fiel und träumte: Er sah sein ganzes Königreich. In der Mitte befand sich ein Schloss. Fahnen und Buchsbäume schmückten das Tor, in dem er sich selbst und seine junge Frau erkannte.


Mit den Jahreszeiten veränderte sich das Bild.
Der Winter kam, das Tor war verschlossen, und ein dichter Mantel aus Schnee hüllte das ganze Land ein. Das Frühjahr kam und der Sommer. Abermals öffnete sich das Tor, und wieder erschien das Königspaar. Aber jetzt waren beide merklich älter geworden.


Gleichzeitig wuchs aus dem Schloss ein Rosenstock hervor. Seine Dornen standen spitz und drohend gen Himmel. Langsam entfaltete sich eine Blüte, so leuchtend wie ein Sonnenaufgang. In der Blüte funkelten einige Tropfen Morgentau, so wie Tränen funkeln können. 


Auch der Rosenstock veränderte sich mit den Jahreszeiten. Die Rosen erblühten und verblühten, der Winter kam, das Frühjahr. Der Rosenstock begann; wieder Knospen zu treiben, bis an einem sonnigen Tag eine neue Blüte aufbrach. 

Dann war es, als ob der kleine König wie von Ferne eine Stimme hörte: „Die Wahrheit“, sagte sie, „das, was wirklich wesentlich ist im Leben, muss erlitten werden. Nur wer Lachen und Weinen, Liebe und Leid erfahren hat, wird wirklich glücklich werden.“


Frühmorgens erwachte der kleine König unausgeruht. Er erinnerte sich seines merkwürdigen Traumes und sann darüber nach, was er wohl zu bedeuten habe. Allein, er vermochte das Geheimnis nicht zu entschlüsseln.


So beschloss er, den alten Gärtner aufzusuchen. Der war ein lebenskundiger Mann und wusste ihm wohl Antwort zu geben, zumal die Rose eine so wichtige Rolle in seinem Traum gespielt hatte.
 
„Eine Rose“, wiederholte der Alte nachdenklich, „keine Blume ist so reizvoll, so voller Leben, und keine Blume ist gleichzeitig so widerspruchsvoll. Man kann sich an ihr erfreuen und ihre Schönheit bewundern, aber man kann sich auch empfindlich an ihren Dornen verletzen. Die Rose ist so geheimnisvoll wie das Leben selbst.


Vielleicht liegt sie uns Menschen deshalb so am Herzen. Von alters her drücken Liebende ihre Zuneigung durch das Zeichen der Rose aus – das ist sehr klug. Die Menschen haben große Worte, aber wie viel klarer und eindringlicher redet manchmal eine einzige Blume über die Wahrheit des Lebens.“


„Aber was sagt sie denn?“ fragte der König ungeduldig. „Das ist nur schwer mit Worten zu erklären“, antwortete der alte Gärtner. „Man muss es mit dem eigenen Leben erfahren. Es ist so, wie es Dein Traum sagt: Die Wahrheit, das, was wirklich wesentlich ist im Leben, muss erlitten werden.“


Darauf führte der Gärtner den König in seinen Garten und zeigte ihm zwei Rosenstöcke. Zunächst waren sie kaum voneinander zu unterscheiden. Sah man jedoch genauer hin, dann erkannte man, dass der eine Stock keine Dornen hatte, während der andere voll davon war. 


„Diese Rosen ohne Dornen sind solche, wie wir Menschen sie züchten“, erklärte der Gärtner. „So wie wir Rosen ohne Dornen züchten, so möchten wir auch leben: ohne Schmerzen und Verletzungen, ohne Leid und Tränen. Aber das Leben ist anders. Es kann sehr wehtun, Wunden schlagen und Tränen kosten.


Nur der kann wirklich lachen, der auch gelernt hat, zu weinen. Ebenso kann nur der wirklich lieben, der weiß, wie schmerzlich Liebe sein kann. So wie in unserem Leben Lachen und Weinen, Lieben und Leiden zusammengehören, finden sich auch am Rosenstock Blüten und Dornen, Deshalb ist die Rose das Zeichen für die Liebe.“


Darauf schwieg der Alte eine Weile, bis er eine besonders schöne Rose vom Strauch mit den Dornen schnitt und sie dem König schenkte: „Nehmt diese Rose, sie wird Euch begleiten. Ihr habt Zeit, viel Zeit. Euer gemeinsames Leben muss wachsen und reifen wie die Blumen und Bäume. Wenn eine Rose in Deinem Traum aus dem Schloss erwuchs, dann ist dies ein bedeutungsvolles Zeichen: 
Quelle: Astrid Müller
 Das Schloss ist Euer gemeinsamer Lebensraum. Ihr müsst diesen Raum mit Eurer Liebe ausfüllen und beleben. Es soll „leidenschaftliche“ Liebe sein, die den anderen leiden und erleiden kann. Wer wirklich liebt, der kann auch die Wunden ertragen, die ihm zugefügt werden.


Was zwei Menschen wirklich verbindet, sind nicht allein das Schöne, das sie gemeinsam erlebten, sondern die Tränen, die füreinander geweint, die Schwierigkeiten, die miteinander gemeistert, und die Schmerzen, die gemeinsam getragen wurden.


Mit dem alten Zeichen der Rose wünsche ich Euch nicht ein Leben ohne Dornen und Wunden. Das gibt es nicht. Aber ich wünsche Euch, dass Ihr Euch auch dann noch liebevoll annehmt, wenn Ihr Euch wehgetan habt.“






Ihr Lieben,


gerade in Zeiten des Leides, der Schwierigkeiten, der Krankheit denken wir oft:
Wie herrlich müsste ein Leben ohne Schwierigkeiten, ohne Leid, ohne Krankheit sein und tief in unserem Herzen sehnen wir uns danach.


Ich lernte einmal vor vielen Jahren in den USA einen Menschen kennen, der, obwohl er noch jung und kräftig war, kaum sein Zuhause verließ und sich immer nur zuhause aufhielt.  Er schottete sich nicht ganz von der Welt ab. Besucher empfing er, nur er selbst verließ fast nie das Haus.
www.wikipedia.org
 

Auf meine erstaunte Frage, warum er so denke, antwortete er mir:
„Zuhause fühle ich mich sicher, ich muss keine Angst vor brennender Sonne, vor Hitze, vor Kälte, vor Eis, Schnee, vor Sturm, Hagel und Regen haben, zuhause bin ich geschützt. Ich muss keine Angst haben, von einem Auto überfahren oder von Räubern überfallen zu werden. Und da ich, wenn ich zuhause bleibe, Menschenansammlungen vermeide, riskiere ich es auch nicht, mich mit irgendwelchen Krankheiten anzustecken.“


Dieser junge Mensch, der ein großes Vermögen geerbt hatte, konnte sich einen solchen Lebensstil leisten. Und wenn man nur auf die Gefahren schaut, die einem begegnen können, wenn man sein Zuhause verlässt, dann muss man dem jungen Mann, den ich vor vielen Jahren in den USA kennenlernte, zustimmen.


Aber wir müssen uns einmal überlegen, was dieser junge Mensch alles versäumt, nur um angeblich sicher zu leben:
Er lernt die Welt, in der wir leben, nicht kennen.
Er sieht nichts von der Schönheit der Natur und der Schönheit der Blumen.
Er kann keine Freunde besuchen und nicht erleben, wie seine Kinder draußen spielen.
Er kann nicht spazieren gehen, nicht durch einen Wald wandern, nicht die Sterne in der Nacht beobachten.
Er kann nicht gemeinsam mit anderen Menschen ein Fest feiern.
Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen…



Ich finde ein solches Leben nicht lebenswert.
Wenn wir also die Schönheit dieser Welt erleben wollen, wenn wir das Leben in der Natur genießen wollen, wenn wir Menschen begegnen und Freude am Leben haben wollen, dann müssen wir das Haus unseres Lebens verlassen und uns auf Regen, Sonne, Hitze, Kälte, Sturm und Hagel einlassen.


So wie es die Sonne nur mit Schatten gibt, so gibt es das Leben in seiner ganzen Fülle auch nur mit dem Leid, mit den Schwierigkeiten und den Krankheiten. Aber wir dürfen immer wissen:
Das Leben hält beides für uns bereit:
Leid – aber auch Freude im Übermaß
Krankheit – aber auch Tage der Unbeschwertheit
Schwierigkeiten – aber auch Tage des Erfolgs, des Stolzes auf uns selbst, der Zuversicht und Hoffnung


So darf uns auch die Sonne ein Sinnbild für unser Leben sein:
So wie es eine wunderschöne echte Rose nur mit Dornen gibt, so gibt es das Leben eben nur mit Lied, mit Krankheit und mit Schwierigkeiten. Aber wir dürfen dann immer wissen:
Quelle: Helga und Gerd Steuer
Leid, Krankheit und Schwierigkeiten sind nur der Schatten der Lebenssonne und die meiste und schönste Zeit unseres Lebens dürfen wir unter der Lebenssonne und ihren Strahlen verbringen.


Ich wünsche Euch eine strahlende, rosige und hoffnungsvolle neue Woche und grüße Euch herzlich aus Bremen


Euer fröhlicher Werner
Quelle: Karin Heringshausen

Freitag, 18. Januar 2013

Ich lasse mich nicht von Mistkäfern entmutigen











Der Strauch der Hoffnung
Quelle: Helmut Mühlbacher

Ihr Lieben,


heute ist wieder einmal die Gelegenheit für mich, mich zu wiederholen, denn einige liebe Leser haben mich darum gebeten, die folgende Geschichte von Peter Graf v. Eysselsberg noch einmal zu erzählen:


"Die Geschichte von der Schnecke und dem Mistkäfer"
www.gartenspaziergang.de
Es war einmal eine kluge fröhliche Schnecke, die ganz gemütlich durch die Natur kroch, bis sie bei einem Kirschbaum ankam. Diesen wollte sie hinaufklettern.
Als die Schnecke begann, langsam und bedächtig Millimeter für Millimeter diesen Baum hinaufzukriechen, hörte sie von oben eine helle Stimme, die ihr laut zurief: 


„Hey, Du lahme Schnecke. Nimmst Du Dir da nicht ein bisschen viel vor?
Wer hoch hinaus möchte, der fällt meist tief!
Lass es sein, Du bist doch nur eine Schnecke, das schaffst Du nie!“ 


Die Schnecke blickte empor und sah hoch oben im Baum einen dicken Mistkäfer sitzen, der mit aller Überzeugungskraft versuchte, die kluge fröhliche Schnecke von ihrem Vorhaben abzubringen. 
www,gartenspaziergang.de
Die Schnecke aber war fest entschlossen und gewillt, sich nicht davon abbringen zu lassen, ihr Ziel, das sie in den Blick genommen hatte, zu erreichen und antwortete dem Mistkäfer: 


„Du kannst sagen, was Du willst, ich schaffe das.
Ich erreiche mein Ziel – ganz gleich, wie schwer es auch werden wird!“

„Niemals schaffst Du das, vergeude nicht Deine Kräfte, gib auf!
Du bist zu schwach, um eine solche Aufgabe bewältigen zu können, das kannst Du nie. Warum machst du Dir das Leben so unnötig schwer, finde Dich doch damit ab, dass Du für solche Aktionen einfach nicht geschaffen bist!“ – rief der Mistkäfer. 


„Merkst Du eigentlich nicht, dass Du nur Blödsinn redest?
Wie Du siehst, beeindruckt mich Dein Geschwätz in keinster Weise.
Also lass mich in Ruhe. Du kannst mich nicht davon abhalten, durchzuhalten!“ – so die Schnecke. 
Kirschbaum
Quelle: Helmut Mühlbacher


Der Mistkäfer überlegte, wie er die Schnecke aufhalten könnte.
Er grübelte und versuchte krampfhaft, einen Weg zu finden, die Schnecke zur Aufgabe zu bewegen.

Nach einiger Zeit wandte er sich wieder der Schnecke zu und sagte:
„Hey, was bringt Dir denn all die Anstrengung, hast Du nicht geschnallt, dass noch nicht einmal Kirschen am Baum sind?“

Der Mistkäfer war ganz stolz auf seine tolle Argumentation, bis er die Schnecke hörte: „Du hast Recht, im Moment sind keine Kirschen am Baum, doch bis ich oben angekommen bin, sind wieder welche da!“ 
www.wikipedia.org

Ihr Lieben,

wie oft lassen wir uns in unseren Leben entmutigen.
Wenn wir Ziele erreichen wollen, wenn wir Träume verwirklichen wollen, wenn wir Schwierigkeiten begegnen, fast immer begegnen uns Menschen, die uns entmutigen wollen.


Als Kind war ich eine mutlose Schnecke, die sich wertlos fühlte und sich nichts zutraute. Ich kroch mühsam durch Leben und litt außerdem grauenvoll darunter, dass ich von so vielen anderen Schnecken misshandelt, gequält, gefoltert und missbraucht wurde.


Aber ich hatte das Glück, dass mir andere, mir liebevoll gesonnene Schnecken begegneten, die mir trotz meiner Lage Mut machten, die mir zuriefen:
„Gib niemals auf!“, 
Dein Leid wird nicht ewig anhalten, eines Tages wirst Du das Tal der Tränen verlassen, eines Tages wirst auch Du den Kirschbaum Deines Lebens finden und dort die herrlich schmeckenden Kirschen genießen dürfen."


Vielleicht wäre ein anderes Kind, ein anderer Jugendlicher in meiner Lage verzweifelt, wäre unter all den Schlägen, Demütigungen und dem Missbrauch zusammengebrochen.

Ich aber hörte damals die Botschaft der Freude und der Liebe und saugte sie auf, sodass sie mein Herz erfüllte.


Und eines Tages geschah genau das, was ich nie für möglich gehalten hatte:
Ich verwandelte mich von einer kleinen gequälten, erniedrigten und missbrauchten Schnecke in eine fröhliche, lebensbejahende Schnecke, die erfüllt ist von Liebe und dem Gedanken der Hoffnung, der Zuversicht und der Freude.


Ich hätte diesen Weg niemals schaffen können, wenn ich nicht Menschen an meiner Seite gehabt hätte, die mich ermutigt, die mich geliebt und mich unterstützt haben.


Mögen andere Menschen schneller und flinker sein wie der Mistkäfer…
Mögen andere Menschen geschickter und klüger sein als wir….
Mögen andere Menschen auch ein größeres Talent haben als wir…


...entscheidend sind die Ausdauer und die Beharrlichkeit der Schnecke. 

Wenn wir so beharrlich und ausdauernd sind wie die Schnecke, dann werden wir unsere Ziele erreichen, unsere Träume verwirklichen.


Was ich mir wünsche für diese Welt, ist, dass wir weniger Entmutiger haben und dafür umso mehr Menschen, die ihren Lebenssinn darin sehen, andere Menschen zu unterstützen und zu ermutigen.


Ich würde mich riesig freuen, wenn die Menschen lernen würden, dass es viel glücklicher macht, als Schnecke die Botschaft der Beharrlichkeit, der Ausdauer, der Zuversicht, der Liebe und der Freude in diese Welt hineinzutragen, als als Mistkäfer anderen Menschen das Leben durch Entmutigung zu vermiesen.


Ich wünsche Euch allen, dass Ihr zu klugen, fröhlichen ausdauernden, mutigen, beharrlichen Schnecken werdet und Freude am Leben und Euren Zielen und Träumen habt.
 
Ich wünsche Euch heute einen fröhlichen zuversichtlichen Nachmittag und grüße Euch herzlich aus Bremen


Euer fröhlicher Werner
Quelle: Karin Heringshausen



Mittwoch, 16. Januar 2013

Warum nur, warum???


Quelle: Helmut Mühlbacher


Ihr Lieben,

heute möchte ich Euch eine Geschichte von Gertrud Weidinger zu lesen geben, nacherzählt von Peter Graf v. Eysselsberg:

„Ich lache mit ihnen“

"Es war im Oktober 1982. Wieder einmal musste ich eine erkrankte Kollegin in einer zweiten Klasse vertreten. Ich kannte die Kinder gut. Mit einem Spiel wollte ich den Vormittag beginnen, da stutzte ich - diesen Jungen dort in der zweiten Tischreihe hatte ich hier noch nie gesehen.

Ich erschrak, als ich ihn genauer betrachtete: Er war klein, dürr, ganz blass und er hatte kaum Haare auf seinem Kopf

„Wie heißt Du denn? Ich kenne Dich ja gar nicht!“ fragte ich nach einigen Augenblicken des Schweigens. „Patrick“, antwortete er mit einer dünnen, hohen, aber fröhlichen Stimme. 
Quelle: Raymonde Graber

„Aha, Du bist offensichtlich neu in dieser Klasse?“, fragte ich.
„Nein, Ich bin schon immer in dieser Klasse gewesen!“, entgegnete der Junge.
Ich wollte nicht weiterfragen. Wir arbeiteten fleißig. Meine Gedanken aber kreisten um Patrick.
 
Was war mit diesem Kind los? War es krank? War es umgezogen gewesen, oder, oder, oder...?

„Wir gehen in die Sporthalle!“ rief ich am Ende dieser Stunde. Das war ein Hallo!
Leitern wurden aufgestellt und eine dicke Matte darunter gelegt.
Leichtfüßig und schnell wie ein kleiner Schimpanse kletterte Patrick auf die Leiter, um sich dann mit einem lauten fröhlichen Schrei herunterplumpsen zu lassen.

Plötzlich kam er auf mich zu und sagte mit heiterem Gesicht:
„Ich höre jetzt auf. Ich darf mich nicht überanstrengen!“
Erstaunt setzte ich mich zu ihm auf eine kleine Bank. 
Quelle: Helga und Gerd Steuer
Da erzählte er: „Wissen Sie, ich war ein halbes Jahr lang im Krankenhaus. Und da drunter“ - er deutete auf sein T-Shirt, aus dessen Ausschnitt ein Pflaster herausschaute – „da sitzt immer noch ein Gummischlauch, der in den Körper hineinoperiert ist. Der tut gar nicht weh! Und wissen Sie, warum ich den Schlauch habe? Weil ich nämlich den Krebs gehabt habe, den Krebs im Bauch, wissen Sie. Da war ein dickes, hartes Geschwür, so groß wie eine Männerfaust. Das haben die im Krankenhaus herausgemacht. Ich habe danach lange nichts mehr essen dürfen. Zum Schluss bin ich jeden Tag bestrahlt worden, davon sind meine Haare ausgegangen. Aber die wachsen wieder nach!“ beteuerte er mit einem Lachen in der Stimme.
Quelle: Astrid Müller

Betroffen saß ich neben Patrick. Inzwischen stand die ganze Klasse um uns herum.
„Aber wissen Sie, was das Schönste ist? Ich muss nur einmal in der Woche ins Krankenhaus zum Blutabnehmen. Danach darf ich gleich wieder heim. Die anderen Kinder nämlich, die auch so was haben, dürfen nicht heim, und die haben ganz viele Schmerzen. Wenn ich im Krankenhaus bin, besuche ich sie immer und lache viel mit ihnen und ermutige sie, dann geht es ihnen viel besser.

„Patrick schaute mich mit seinen warmen, braunen Augen an und lachte fröhlich.
„So, jetzt kann ich wieder klettern und hüpfen!“ –

Im Juli 1984 ist Patrick im Alter von fast elf Jahren an seiner Krankheit gestorben. Während der letzten drei Wochen seines Lebens war er zu schwach, die Schule zu besuchen. 
Zwei Jahre hat er mit sich gekämpft: „Ihr braucht nicht mehr zu kommen, ich sterbe bald.“, schrieb er seinen Klassenkameraden.

Vor dem offenen Kindergrab spürte jeder: Hier gibt es keine Lösung. Hier kann der Mensch nicht mehr weiter. Der Mensch ist nicht Herr der Welt.

Am folgenden Tag habe ich mit den Kindern geredet, sie sagten: 
„Wenn ich mich an Patrick erinnere, dann ist es, wie wenn er daneben stünde ...“


Ihr Lieben,
mich berührt diese Geschichte tief in meinem Herzen, denn sie zeigt mir, wie wichtig das ist, was wir tun.

Du und ich, wir sind vielleicht nicht dazu berufen, die Welt umzukrempeln oder so Einfluss auf die Welt zu nehmen wie Mahatma Gandhi oder Mutter Theresa, aber wir sind wie der kleine Junge dazu auserwählt, andere Menschen anzufeuern, sie zu ermutigen, ihnen unsere Liebe zu schenken.

Andere Menschen zu ermutigen, andere Menschen auf ihrem Weg zu ihrem Ziel anzufeuern, andere Menschen zu lieben, das ist der größte Dienst, den wir anderen Menschen tun können.
 
Ich muss heute sehr viel an meinen Jugendfreund Hans-Christoph denken, weil ich in diesen Tagen wieder einmal an seinem Grab gestanden habe.
Mit seiner äußerst schweren Asthmaerkrankung wäre es mehr als verständlich gewesen, wenn er sich nur mit sich selbst beschäftigt hätte, aber genau das Gegenteil tat er:

Er schenkte mir seine Freundschaft, als niemand mit mir befreundet sein wollte.
 
Er tröstete mich, als ich misshandelt und missbraucht wurde.
 
Er entzündete in mir die Flamme der Freude, obwohl ich sonst nichts zu lachen hatte.
Ein zukünftiges Buch von mir

Er zeigte mir, wie schön die Welt, die Natur, die Musik, das Theater, die Literatur sind und half mir so über viele schmerzhafte Augenblicke hinweg.
 
Er schenkte mir Hoffnung und Zuversicht, als eigentlich nichts zu hoffen war.

Er lehrte mich, NIEMALS AUFZUGEBEN, als ich aufgrund von schwerem sexuellem Missbrauch an Selbstmord dachte.


Er zeigte mir die Kraft der Liebe, die Kraft der Vergebung, ohne die alles Leben öde und trist ist.

Er war ein fünfzehnjähriger Junge, klein, dürr, blass und schmächtig wie der Junge aus unserer Geschichte und dennoch war er der wertvollste Mensch, der mir je begegnet ist und alles, was ich an Gutem in meinem Leben gelernt habe, habe ich durch ihn gelernt.
 
Hans-Christoph war kein Mahatma Gandhi, aber dass ich heute, 50 Jahre danach, immer noch der Meinung bin, er war der feinste Mensch, ja vielleicht sogar ein Engel Gottes – das ist wohl die beste Auszeichnung für ihn und sein Handeln.
Wenn ich in den Jahren, die ich noch zu leben habe, etwas erreichen möchte, dann dies:
Ich möchte ebenso wie Hans-Christoph wegsehen von mir selbst, von dem, was mich bedrückt, was mich an körperlichen Beschwerden hindert, und mich ganz den Menschen in meiner Umgebung zuwenden und die Fackel der Liebe, der Freude, der Zuversicht und der Hoffnung in diese Welt hineintragen.
Anderen Menschen und mir Freude zu bereiten, das ist das Größte für mich!

Ihr Lieben,

ich wünsche Euch heute einen fröhlichen Tag und grüße Euch herzlich aus dem frostigen Bremen

Euer heiterer Werner 
Quelle: Karin Heringshausen